Bevor wir aber in das Thema einsteigen, hier ein reales Beispiel dafür, dass man sich mit Blutgruppe 0 vegan und gesund ernähren kann.

  • Tanja (Jahrgang 1975) » Blutgruppe 0
  • Seit dem 14. Lebensjahr Vegetarierin
  • Seit 5 Jahren vegan + supplementiertes B12
  • 2x/Woche Crossfit, Joggen und MTB
  • Top Fitness, top Blutwerte, top Knochendichte

Blutgruppendiät

Die Blutgruppendiät behauptet, Menschen mit Blutgruppe 0 seien der sogenannte „Jäger“-Typ. Daraus wird abgeleitet, dass sie eher Fleisch bräuchten und Weizen, Milchprodukte sowie manche Hülsenfrüchte schlechter vertragen würden. Deshalb wird manchmal behauptet, eine vegane Ernährung passe nicht zu Blutgruppe 0.

Diese Behauptung klingt auf den ersten Blick plausibel. Wissenschaftlich trägt sie aber nicht.


Was die Blutgruppendiät über Blutgruppe 0 behauptet

Nach der Theorie von Peter J. D’Adamo soll Blutgruppe 0 evolutionär zum „Jäger“-Typ gehören. Menschen mit dieser Blutgruppe sollen demnach besonders gut mit Fleisch zurechtkommen, während Weizen, Milch und manche Hülsenfrüchte weniger geeignet seien.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fasst diese Behauptung so zusammen:

„Der 0-Typ (der Jäger) sei eher ein Fleischesser.“

Außerdem seien für diesen Typ laut Theorie:

„manche Hülsenfrüchte, Weizen, Milch und Milchprodukte“

weniger gut geeignet.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung – „Blutgruppendiäten ohne bewiesenen Nutzen“
https://www.dge.de/presse/meldungen/2011-2018/blutgruppendiaeten-ohne-bewiesenen-nutzen/

Der entscheidende Punkt ist aber: Die DGE beschreibt hier nicht eine bestätigte Ernährungsempfehlung, sondern die Behauptung der Blutgruppendiät. Direkt danach folgt die wissenschaftlich wichtige Einordnung.

Die DGE schreibt, dass die angekündigten Belege für diese Hypothese:

„bis heute in der wissenschaftlichen Literatur nicht beschrieben“

seien.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung – „Blutgruppendiäten ohne bewiesenen Nutzen“
https://www.dge.de/presse/meldungen/2011-2018/blutgruppendiaeten-ohne-bewiesenen-nutzen/

Damit ist die erste wichtige Unterscheidung klar:
Die Blutgruppendiät behauptet etwas. Aber Behauptung und Beleg sind nicht dasselbe.


Die Studienlage stützt die Blutgruppendiät nicht

Eine systematische Übersichtsarbeit von Cusack et al. untersuchte, ob es belastbare Belege für die gesundheitlichen Vorteile von Blutgruppendiäten gibt. Das Ergebnis ist eindeutig:

„No evidence currently exists to validate the purported health benefits of blood type diets.“

Übersetzt: Es gibt derzeit keine Evidenz, die die behaupteten gesundheitlichen Vorteile von Blutgruppendiäten bestätigt.

Quelle: Cusack et al. – Systematische Übersichtsarbeit
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK169339/

Das ist zentral. Die Blutgruppendiät macht eine starke Aussage: Menschen sollten sich je nach Blutgruppe unterschiedlich ernähren. Genau dafür fehlt aber der wissenschaftliche Nachweis.


Was sagt die Forschung konkret zu veganer Ernährung und Blutgruppe 0?

Für die Frage, ob Menschen mit Blutgruppe 0 schlechter auf vegane Ernährung reagieren, ist die Studie von Barnard et al. besonders relevant. Dort wurde im Rahmen einer 16-wöchigen fettarmen veganen Ernährung geprüft, ob Menschen mit Blutgruppe A oder 0 anders reagieren als andere.

Das Ergebnis:

„There were no significant differences in any outcome.“

Und in der Schlussfolgerung:

„Blood type was not associated“

mit den Effekten der pflanzlichen Ernährung.

Quelle: Barnard et al. – Interventionsstudie zu veganer Ernährung und Blutgruppen
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2212267220311977

Das bedeutet: Die Studie fand keinen Hinweis darauf, dass Menschen mit Blutgruppe 0 schlechter auf eine vegane Ernährung reagieren als Menschen mit anderen Blutgruppen.

Auch Scinexx fasst die Studie entsprechend zusammen:

„Auch die Probanden der Blutgruppe 0 hatten keinen signifikant schlechteren Effekt“

trotz der nach Blutgruppendiät angeblich unpassenden Pflanzenkost.

Quelle: Scinexx – „Forscher widerlegen Blutgruppen-Diät“
https://www.scinexx.de/news/medizin/forscher-widerlegen-blutgruppen-diaet/

Damit ist die konkrete Behauptung „Blutgruppe 0 braucht Fleisch“ nicht belegt.


Auch die PLOS-ONE-Studie stützt die Blutgruppen-These nicht

Eine große Studie in PLOS ONE untersuchte, ob bestimmte Ernährungsmuster mit besseren Gesundheitsmarkern zusammenhängen und ob dies von der ABO-Blutgruppe abhängt.

Das Ergebnis: Die beobachteten Zusammenhänge waren:

„independent of an individual’s ABO genotype“

und unterstützten daher:

„not support the ‘Blood-Type’ diet hypothesis“

Quelle: Wang et al. – PLOS ONE
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0084749

Anders gesagt: Selbst wenn bestimmte Ernährungsmuster positive Effekte haben, heißt das nicht, dass sie wegen der Blutgruppe wirken.

Das ist ein wichtiger Punkt. Eine Ernährung kann gesünder sein als eine andere, weil sie mehr Gemüse, mehr Ballaststoffe, weniger stark verarbeitete Produkte oder weniger gesättigte Fette enthält. Daraus folgt aber nicht, dass die Blutgruppe der entscheidende Faktor ist.


Weizen, Milch und Hülsenfrüchte sind kein Beweis für die Blutgruppendiät

Ein häufiger Einwand lautet: Vielleicht vertragen Menschen mit Blutgruppe 0 Weizen, Milch oder Hülsenfrüchte wirklich schlechter.

Das ist logisch möglich, aber kein Beweis für D’Adamos Theorie.

Manche Menschen vertragen Weizen schlecht. Manche haben Laktoseintoleranz, Milcheiweißallergien, Zöliakie oder andere individuelle Unverträglichkeiten. Aber daraus folgt nicht, dass die ABO-Blutgruppe dafür verantwortlich ist.

Der logische Fehler sieht so aus:

Richtig: Manche Menschen vertragen bestimmte Lebensmittel schlecht.
Nicht belegt: Menschen mit Blutgruppe 0 vertragen diese Lebensmittel wegen ihrer Blutgruppe schlechter.

Dafür bräuchte man Studien, die genau diesen Unterschied zeigen. Die vorhandenen Studien tun das nicht.

Das Deutsche Rote Kreuz formuliert es klar:

„Es gibt keine Beweise dafür, dass die Blutgruppe eines Menschen einen Einfluss darauf hat“

wie gut bestimmte Lebensmittel vertragen oder Nährstoffe verwertet werden.

Quelle: DRK Blutspende – „Blutgruppendiät: Was ist dran?“
https://www.blutspende.de/magazin/von-a-bis-0/blutgruppendiaet-was-ist-dran


Das Lektin-Argument klingt wissenschaftlich, bleibt aber spekulativ

D’Adamo begründet seine Theorie unter anderem mit Lektinen. Das sind Proteine in Lebensmitteln, die sich an bestimmte Strukturen binden können. Seine Behauptung: Je nach Blutgruppe würden Lektine unterschiedlich wirken und dadurch bestimmte Lebensmittel problematisch machen.

Das klingt wissenschaftlich. Aber eine biochemisch klingende Erklärung ist noch kein klinischer Nachweis.

Das DRK ordnet die behaupteten Risiken durch Weizen und Hülsenfrüchte kritisch ein und beschreibt diese Lebensmittel im Zusammenhang mit der Blutgruppendiät als:

„eher unbedenklich“

Quelle: DRK Blutspende – „Blutgruppendiät: Was ist dran?“
https://www.blutspende.de/magazin/von-a-bis-0/blutgruppendiaet-was-ist-dran

Der Punkt ist: Selbst wenn Lektine biologisch existieren, folgt daraus nicht automatisch, dass Menschen je nach ABO-Blutgruppe komplett unterschiedliche Ernährungspläne brauchen.


Vegan kann gesund sein – entscheidend ist die Nährstoffversorgung, nicht die Blutgruppe

Für die allgemeine Frage, ob vegane Ernährung gesund möglich ist, ist die aktuelle Position der DGE wichtig. Die DGE schreibt:

„A vegan diet … can be health-promoting“

Voraussetzung ist, dass Vitamin B12 supplementiert wird, die Lebensmittelauswahl ausgewogen ist und potenziell kritische Nährstoffe beachtet werden.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung – Update zur veganen Ernährung
https://www.dge.de/wissenschaft/stellungnahmen-und-positionspapiere/positionen/update-of-the-dge-position-on-vegan-diet/

Wichtig ist: Die DGE macht dabei keine Ausnahme für Blutgruppe 0.

Das heißt: Die gesundheitliche Bewertung veganer Ernährung hängt an der Planung und Nährstoffdeckung, nicht an der ABO-Blutgruppe.

Eine schlecht geplante vegane Ernährung kann problematisch sein. Eine gut geplante vegane Ernährung kann gesundheitsförderlich sein. Aber Blutgruppe 0 ist nach aktueller Studienlage kein Argument gegen vegane Ernährung.


Warum hat D’Adamo das behauptet?

D’Adamo hat seine Theorie nicht völlig aus dem Nichts erfunden. Es gibt reale biologische Unterschiede zwischen Blutgruppen. Sein Fehler liegt darin, aus diesen Unterschieden eine viel größere Ernährungstheorie abzuleiten, als die Daten hergeben.

Seine Gedankenkette lässt sich grob so zusammenfassen:

  • Es gibt echte biologische Unterschiede zwischen ABO-Blutgruppen.
  • Diese Unterschiede wurden evolutionär interpretiert.
  • Daraus entstand die Erzählung vom „Jäger“-Typ bei Blutgruppe 0.
  • Lektine wurden als möglicher Mechanismus herangezogen.
  • Daraus wurden konkrete Ernährungsempfehlungen abgeleitet.

Auf D’Adamos eigener Website wird die Blutgruppendiät als Theorie dargestellt, nach der Menschen abhängig von ihrer Blutgruppe unterschiedlich auf Lebensmittel reagieren sollen.

Quelle: D’Adamo – Eigendarstellung zur Blutgruppendiät
https://www.dadamo.com/txt/index.pl?3001

Das Problem ist nicht, dass man seine Gedankenkette nicht nachvollziehen kann. Das Problem ist, dass sie wissenschaftlich nicht sauber belegt wurde.

Plausibilität ist kein Beweis. Eine gute Geschichte ersetzt keine kontrollierten Studien.


Sind viele verkaufte Bücher und positive Rezensionen ein Beweis?

Nein.

Viele Verkäufe und positive Rezensionen beweisen nicht, dass eine Theorie wissenschaftlich stimmt. Sie zeigen zunächst nur, dass eine Idee viele Menschen erreicht oder überzeugt hat.

Das ist logisch ein klassischer Fehlschluss: Argumentum ad populum.

Formal:

Wenn eine These wahr ist, kann sie populär werden.
Aber aus „eine These ist populär“ folgt nicht, dass sie wahr ist.

Rezensionen zeigen vor allem subjektive Erfahrungen. Menschen können sich mit einer Diät tatsächlich besser fühlen, obwohl die Erklärung dahinter falsch ist.

Das kann viele Gründe haben: weniger stark verarbeitete Produkte, weniger Zucker, weniger Fast Food, mehr Gemüse, bewusstere Lebensmittelauswahl oder insgesamt weniger Kalorien.

Ohio State beschreibt genau diesen Punkt: Gewichtsverlust könne auch dadurch entstehen, dass kalorienreiche, stark verarbeitete Lebensmittel weggelassen werden – unabhängig von der Blutgruppen-Erklärung.

Quelle: Ohio State Health & Discovery – „Does the ‘blood type diet’ work?“
https://health.osu.edu/wellness/exercise-and-nutrition/does-the-blood-type-diet-work

Auch die Cleveland Clinic ordnet positive Effekte ähnlich ein. Dort heißt es:

„Studies show that if you eat the diets recommended for blood types A, AB and O, you’ll get a positive outcome no matter your blood type.“

Und weiter:

„Research has shown that blood type doesn’t affect our response to foods.“

Die positiven Ergebnisse hätten laut Cleveland Clinic vielmehr damit zu tun, was auf dem Teller landet:

„more fruits and vegetables, good quality grains, and less and leaner meats.“

Quelle: Cleveland Clinic – „The Blood Type Diet: Does It Really Work?“
https://health.clevelandclinic.org/blood-type-diet

Der entscheidende Test ist deshalb nicht:

„Wie viele fanden das Buch gut?“

Sondern:

„Hält die Theorie wissenschaftlicher Prüfung stand?“

Und genau dort scheitert die Blutgruppendiät.


Fazit

Die Behauptung, Menschen mit Blutgruppe 0 bräuchten Fleisch oder könnten nicht genauso gesund vegan leben wie Menschen mit anderen Blutgruppen, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Die Blutgruppendiät beschreibt Blutgruppe 0 zwar als „Jäger-Typ“ und warnt vor Weizen, Milchprodukten und manchen Hülsenfrüchten. Die vorhandenen Studien zeigen aber keinen blutgruppenspezifischen Vorteil dieser Empfehlungen.

Für vegane Ernährung gilt: Entscheidend ist nicht die Blutgruppe, sondern ob die Ernährung gut geplant ist und kritische Nährstoffe gedeckt werden. Besonders Vitamin B12 muss supplementiert werden.

Die Blutgruppe 0 ist nach aktueller Studienlage kein Argument gegen vegane Ernährung.


Quellen

Deutsche Gesellschaft für Ernährung – „Blutgruppendiäten ohne bewiesenen Nutzen“
https://www.dge.de/presse/meldungen/2011-2018/blutgruppendiaeten-ohne-bewiesenen-nutzen/

Cusack et al. – Systematische Übersichtsarbeit zu Blutgruppendiäten
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK169339/

Barnard et al. – Interventionsstudie zu veganer Ernährung und Blutgruppen
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2212267220311977

Wang et al. – PLOS ONE: ABO-Genotyp und Blutgruppendiät-Hypothese
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0084749

DRK Blutspende – „Blutgruppendiät: Was ist dran?“
https://www.blutspende.de/magazin/von-a-bis-0/blutgruppendiaet-was-ist-dran

Deutsche Gesellschaft für Ernährung – Update zur veganen Ernährung
https://www.dge.de/wissenschaft/stellungnahmen-und-positionspapiere/positionen/update-of-the-dge-position-on-vegan-diet/

D’Adamo – Eigendarstellung zur Blutgruppendiät
https://www.dadamo.com/txt/index.pl?3001

Scinexx – „Forscher widerlegen Blutgruppen-Diät“
https://www.scinexx.de/news/medizin/forscher-widerlegen-blutgruppen-diaet/

Forschung und Wissen – „Vegane Ernährung: Wirkung der Blutgruppen-Diät widerlegt“
https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/vegane-ernaehrung-wirkung-der-blutgruppen-diaet-widerlegt-13374441

Mythos selbst prüfen

Suche nicht nur nach Bestätigung, sondern auch nach Einwänden und Gegenbelegen.

Der Google-KI-Modus wird nur angezeigt, wenn Google ihn für Gerät, Region oder Konto bereitstellt. Falls nicht, landet man meist in der normalen Suche.