Auf dem Rathausplatz pickt eine Taube zwischen den Pflastersteinen. Sie sieht den Mann auf der Bank an, hüpft drei Schritte näher, bleibt stehen. Vielleicht erinnert sie sich an ihn. Tauben können das. Sie merken sich Menschen über Jahre, auch jene, die schon einmal nach ihnen getreten haben.

Was die Wissenschaft weiß

Tauben unterscheiden Gesichter. Eine Studie an der Universität Paris Ouest Nanterre (Belguermi et al., 2011) hat das in einem Pariser Park getestet: Zwei Forscher fütterten Tauben, einer freundlich, der andere verjagte sie. Wenn beide später die Lab Coats tauschten, mieden die Tauben weiterhin den ehemals feindlichen Forscher. Sie erkannten ihn am Gesicht, nicht an der Kleidung. Eine zweite Studie (Stephan, Wilkinson, Huber, 2012) bestätigte das. Tauben merken sich Menschen über lange Zeiträume.

Sie finden ihren Weg über hunderte Kilometer zurück zu vertrauten Orten. Sie merken sich räumliche Muster und Routen.

Im Spiegeltest, einem klassischen Maß für Selbstwahrnehmung, schneiden Tauben besser ab, als man erwartet. Nach einem mehrstufigen Training konnten sie Markierungen am eigenen Körper erkennen, die nur im Spiegel sichtbar waren. Die Forschung dazu (Epstein, Lanza, Skinner, 1981) ist umstritten, weil zwei spätere Replikationen scheiterten. Eine Wiederholung 2014 bestätigte aber das ursprüngliche Resultat. Klar ist: Tauben gehören zu den kognitiv stärksten Vögeln der Welt.

Sie pflegen sich gegenseitig

Tauben leben in stabilen Paaren. Einmal verbunden, bleiben sie oft jahrelang zusammen, mancherorts ein ganzes Leben. Beide Eltern brüten abwechselnd. Beide produzieren Kropfmilch, eine nährstoffreiche Flüssigkeit in der Kropfwand, mit der die Küken gefüttert werden. Diese Form gemeinsamer Aufzucht gibt es bei Vögeln selten. Bei Säugetieren so gut wie nie.

Wer das einmal weiß, sieht Tauben anders.

Was wir ihnen antun

Wer durch eine deutsche Innenstadt geht, sieht das Gegenteil von Fürsorge. Netze über Hofeinfahrten. Drahtspikes auf Sims und Fenstersimsen. Klebepasten auf Geländern. Tauben verletzen sich an diesen Abwehrmaßnahmen oft schwer. Zerschnittene Beine. Abgebrochene Krallen. Gebrochene Flügel. In den Großstädten finden Tierschutzvereine regelmäßig Tiere mit verkrüppelten Füßen, die ihr Leben mit Pommesresten und Brotkrumen fristen.

Hunger ist der zweite Faktor. Ohne strukturiertes Futterangebot ernähren sich Stadttauben von ungeeigneter Nahrung: Brot, Pommes, Kaugummi. Das Ergebnis sind kranke Tiere, schwaches Gefieder, schwer überlebensfähige Küken. Trotzdem brüten Tauben mehrfach pro Jahr, weil die Stadt warm und schutzbietend ist. Hunger steigert den Bruttrieb. Ein Teufelskreis aus Mangel und Vermehrung.

Vier Mythen, die nicht stimmen

„Tauben sind gefährliche Krankheitsüberträger.“ Das stimmt so nicht. Das Bundesinstitut (BgVV) hat 1998 die Einstufung der verwilderten Haustaube als Gesundheitsschädling zurückgenommen. Von 111 in Stadttauben gefundenen Erregern wurden bis 2012 nur 8 tatsächlich auf Menschen übertragen. Eine Virus-Übertragung Taube auf Mensch ist bislang nicht zweifelsfrei belegt. Das Bundesgesundheitsamt stuft das Risiko durch freilebende Tauben als nicht höher ein als das durch Heim- oder Ziervögel.

„Tauben vermehren sich unkontrolliert.“ Auch das stimmt nicht. Die Populationsgröße hängt direkt vom Nahrungsangebot und der Brutplatz-Verfügbarkeit ab. In betreuten Schlägen mit kontrolliertem Futter und Eier-Austausch sinkt sie messbar.

„Tauben sind dumm.“ Das Gegenteil ist belegt. Tauben erkennen Gesichter, unterscheiden Formen, können Wörter von Nicht-Wörtern trennen und bestehen nach Training den Spiegeltest. Ihre kognitive Leistung steht der von Krähen oder Papageien näher als der von Spatzen.

„Tauben gehören nicht in die Stadt.“ Das stimmt — sie gehören in keine Stadt der Welt von Natur aus. Sie sind dort, weil wir sie dort hingesetzt haben. Stadttauben sind verwilderte Haustauben, vom Menschen über Jahrhunderte gezüchtet und in der Stadt gehalten. Erst als sie nicht mehr nützlich waren, ließ man sie sich selbst überlassen.

Warum sie überhaupt hier sind

Die Stadttaube ist kein Wildtier. Sie stammt von der Felsentaube, einer Art aus den Klippen Süd- und Westeuropas. Über Jahrhunderte wurden Tauben als Fleischlieferanten, Brieftauben und Schauvögel gehalten. Wer aus Zucht oder Wettkampf nicht zurückkehrte, blieb in den Städten. Aus diesen entlaufenen Generationen entwickelten sich die heutigen Stadttauben.

Sie gehören nicht in die Natur. Aber sie gehören uns. Sie sind ein Nebenprodukt einer Jahrtausende langen Geschichte menschlicher Tierhaltung. Was wir mit ihnen tun, ist nicht ihre Schuld.

Jedes Wochenende verlieren Tausende ihren Partner

Die Population speist sich nicht nur historisch. Sie wird Woche für Woche neu gefüllt — durch zwei Praktiken, die das Tierwohl der Tauben gezielt ignorieren.

Brieftaubensport. Tauben sind monogam. Sie binden sich an einen Partner, sie binden sich an einen Schlag. Genau diese Bindung nutzt der Sport: Die Tiere werden hunderte Kilometer entfernt aufgelassen und fliegen, weil sie zurück zu ihrer Partnerin und ihren Jungen wollen. Wer es schafft, wird gefeiert. Wer es nicht schafft, ist verloren.

Die Verlustraten sind keine Randerscheinung. Eine PETA-Studie geht von durchschnittlich 50 bis 60 Prozent pro Rennen aus. Bei einem einzelnen Wettflug 2022 von Narbonne aus starteten 26.000 Tauben. Rund 6.000 kamen an. 77 Prozent verloren — an einem einzigen Tag. Schweizer Wettflüge erreichen ähnliche Quoten. Die nicht zurückgekehrten Tiere verhungern, verdursten, prallen gegen Hochspannungsleitungen, werden von Greifvögeln erbeutet. Oder sie landen erschöpft in der nächstgrößeren Stadt und schließen sich den dortigen Tauben an.

Hochzeitstauben. Auch hier nutzt der Brauch die Bindung zum Partner aus, nur mit noch weniger Vorbereitung. Bei Hochzeitsfreilassungen finden 40 bis 50 Prozent der Tauben nicht zurück. Bei weißen Hochzeitstauben ist es schlimmer: Die weiße Färbung ist eine reine Zuchtleistung, der Orientierungssinn ist dabei mit weggezüchtet worden. Pfauen- und Lachtauben, die als „Hochzeitstauben“ verkauft werden, haben gar keinen Heimkehrtrieb mehr.

Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet das Aussetzen von Tieren ausdrücklich. Was bei jeder Hochzeit, bei jedem Wettflug passiert, fällt formal genau unter dieses Verbot. Geahndet wird es selten.

Wer am Sonntag eine erschöpfte, halbverhungerte Taube in der Fußgängerzone sieht, sieht möglicherweise das Ergebnis dieses Wochenendes. Ein Tier, das versucht hat, zurück zu seiner Partnerin zu kommen.

Das Augsburger Modell funktioniert, wenn man es ernst nimmt

Seit den 1990ern betreibt die Stadt Augsburg betreute Taubenschläge. In zehn Häusern und zwei Taubentürmen werden Tauben gefüttert, untergebracht und ihre Gelege gegen Gips-Attrappen ausgetauscht. Allein zwischen 2001 und 2016 wurden so rund 109.400 Eier ausgetauscht. Ebenso viele Küken sind nicht geschlüpft. Die Population sinkt langsam, aber messbar.

Inzwischen folgen mindestens zwölf deutsche Städte dem Modell. Augsburg, Aachen, Hamburg, Berlin, Hanau, Karlsruhe, Lüneburg, Marl, München, Norderstedt, Tübingen, Wiesbaden. Eine Liste, die wächst, aber nicht schnell genug.

Kritik gibt es trotzdem. Wildbiologen weisen darauf hin, dass die Schläge nur dann die Population senken, wenn der Großteil der Tiere tatsächlich darin brütet. In München errechnete man, dass dafür Hunderte Schläge nötig wären. Augsburg erreicht heute nur etwa zehn Prozent der Population. Das Modell funktioniert. Es wird nur zu zaghaft umgesetzt.

Vertreibung ist die teurere Lösung

Spikes, Netze, Falkner, Klebepasten, Verhütungspillen, Tötungen. Alle diese Methoden kosten Geld, vereinbaren sich schlecht mit dem Tierschutz und bringen langfristig nichts. Die Stadt Herrenberg gibt für Vergrämung und Reinigung rund 567.000 Euro pro Jahr aus. Geld, das in den Bau und Betrieb betreuter Schläge fließen könnte.

Juristisch sind Stadttauben übrigens Fundtiere. Nach § 5a AGBGB und §§ 965–976 BGB ist die Kommune für ihre Versorgung verantwortlich. Wer nichts tut, verstößt formal gegen geltendes Recht.

Was du tun kannst

Nicht wahllos füttern. Brot und Essensreste schaden mehr, als sie helfen. Wer Tauben unterstützen will, spendet an lokale Tierschutzvereine, die betreute Schläge betreiben.

Verletzte Tiere melden. Tauben mit verkrüppelten Füßen, gebrochenen Flügeln oder offensichtlichen Verletzungen gehören in tierärztliche Versorgung. PETA Deutschland listet unter peta.de/aktiv/taubenhilfe lokale Anlaufstellen, die Erna-Graff-Stiftung und der Deutsche Tierschutzbund führen ebenfalls Pflegestationen.

Petitionen unterstützen. PETA hat eine Bundes-Petition gegen tierschutzwidrige Taubenabwehr gestartet. Die Erna-Graff-Stiftung und Menschen für Tierrechte klagen aktuell gegen die geplante Tötung von 200 Stadttauben in Limburg (Februar 2025).

Politisch laut werden. Wer in der eigenen Stadt das Augsburger Modell vermisst, kann es einfordern. An Lokalpolitik, an Stadtverwaltung, an die Tierschutzbeauftragten. Der Druck wirkt nur, wenn er aus der Bevölkerung kommt.

Eine Spezies, die wir geschaffen haben

Wir haben die Felsentaube gezähmt. Wir haben sie zur Brieftaube gemacht, zur Fleischtaube, zur Schautaube. Wir haben sie in Städte gebracht, in denen sie heute zwischen Spikes und Pommesresten überlebt. Und wir nennen sie „Ratten der Lüfte“, wenn sie auf unserer Bank sitzt.

Das ist kein Tauben-Problem. Das ist ein Mensch-Problem. Die Lösung steht in Augsburg seit dreißig Jahren. Sie funktioniert. Sie wartet darauf, dass mehr Städte sie ernst nehmen.

Die Süße Beziehung zwischen Malte Zierden und der Taube Oßcar

⚠️ Selbst prüfen empfohlen

Prüfe die Aussage mit Suche, Gegenargumenten und belastbaren Quellen.

Der Google-KI-Modus wird nur angezeigt, wenn Google ihn für Gerät, Region oder Konto bereitstellt. Falls nicht, landet man meist in der normalen Suche.

Quellen

Wissenschaftliche Studien

Behördliche Stellungnahmen

Tierschutz-Organisationen mit aktiven Kampagnen

Lokale Initiativen und Best Practices

Kostenvergleich und kommunale Verantwortung