Bevor wir aber in das Thema einsteigen, hier ein reales Beispiel dafür, dass man sich mit Blutgruppe 0 vegan und gesund ernähren kann.

  • Tanja (Jahrgang 1975) » Blutgruppe 0
  • Seit dem 14. Lebensjahr Vegetarierin
  • Seit 5 Jahren vegan + supplementiertes B12
  • 2x/Woche Crossfit, Joggen und MTB
  • Top Fitness, top Blutwerte, top Knochendichte

Die Blutgruppendiät behauptet, der 0-Typ sei der „Jäger“, brauche eher Fleisch und vertrage Weizen, Milch und manche Hülsenfrüchte schlechter. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fasst die D’Adamo-Theorie genau so zusammen: Der 0-Typ sei der Fleischesser, für ihn seien Hülsenfrüchte, Weizen und Milchprodukte weniger gut. Direkt im Anschluss schreibt die DGE allerdings, dass angekündigte Beweise für diese Hypothese „bis heute in der wissenschaftlichen Literatur nicht beschrieben“ seien.

Die Frage ist also nicht, was behauptet wird, sondern was belegt ist. Und genau da bricht die Theorie zusammen. Die systematische Übersichtsarbeit von Cusack et al. kommt zum Schluss: Es gibt derzeit keine Evidenz, die die behaupteten gesundheitlichen Vorteile von Blutgruppendiäten bestätigt. Im Originalwortlaut: „No evidence currently exists to validate the purported health benefits of blood type diets.“

Eine Studie hat die Frage direkt geprüft

Für die konkrete Frage nach veganer Ernährung ist die direkteste Quelle die Interventionsstudie von Barnard et al.. Dort wurde im Rahmen einer 16-wöchigen fettarmen veganen Ernährung ausdrücklich geprüft, ob sich Menschen mit Blutgruppe A oder 0 anders entwickeln als andere. Das Ergebnis ist klar: keine signifikanten Unterschiede in irgendeinem Messwert. Die Blutgruppe war mit den Effekten der pflanzlichen Ernährung auf Gewicht, Fettmasse, Blutfette und Blutzuckerkontrolle nicht assoziiert. Im Originalwortlaut: „There were no significant differences in any outcome“ und in der Schlussfolgerung: „Blood type was not associated“.

Damit gibt es schlicht keinen Beleg, dass Menschen mit Blutgruppe 0 auf vegane Ernährung schlechter reagieren als andere.

Auch die große PLOS-ONE-Studie von Wang et al. stützt die Blutgruppen-These nicht. Die beobachteten Zusammenhänge seien unabhängig vom ABO-Genotyp, die Ergebnisse stützten die „Blood-Type“-Diät-Hypothese nicht. Anders gesagt: Selbst wenn einzelne Ernährungsweisen mit besseren Gesundheitsmarkern zusammenhängen, dann nicht deshalb, weil sie zur Blutgruppe passen.

Auch der Weizen-und-Milch-Einwand trägt nicht

Manche werden einwenden, Weizen und Milch seien doch ohnehin problematisch. Stimmt das, ist es trotzdem keine Rettung für die Blutgruppen-These. Ob jemand Weizen oder Milch individuell gut verträgt, ist eine eigene ernährungsmedizinische Frage. Genauso, ob Vollkorn sinnvoll ist oder Milchprodukte gewünscht sind.

Daraus folgt aber nicht, dass Blutgruppe 0 die entscheidende Variable wäre. Das wäre nur gezeigt, wenn Studien genau diesen Unterschied nachweisen würden. Genau das tun sie nicht.

Auch die im Blutgruppendiät-Modell oft genannte Angst vor Lektinen aus Weizen oder Hülsenfrüchten trägt nicht weit. Das DRK fasst den Stand so zusammen: Es gibt keine Beweise dafür, dass die Blutgruppe beeinflusst, wie gut jemand bestimmte Lebensmittel verträgt oder wie Nährstoffe verwertet werden. Speziell zu Weizen und Hülsenfrüchten wird dort erklärt, dass die schädlichen Effekte, die D’Adamo daraus ableitet, nicht belastbar nachgewiesen sind.

Was die DGE zur veganen Ernährung sagt

Für die allgemeine Frage, ob vegan gesund möglich ist, ist die neuere DGE-Position wichtig. Dort steht, eine vegane Ernährung könne gesundheitsförderlich sein, vorausgesetzt Vitamin B12 wird supplementiert, die Lebensmittelauswahl ist ausgewogen und potenziell kritische Nährstoffe werden gedeckt. Im Originalwortlaut: „A vegan diet … can be health-promoting“. Die DGE macht dabei keine Ausnahme für Blutgruppe 0. Sie knüpft die gesundheitliche Eignung veganer Ernährung an Nährstoffdeckung und Planung, nicht an die ABO-Blutgruppe.

Eine Theorie, die in 30 Jahren keine Studie bestanden hat

Die Behauptung, Menschen mit Blutgruppe 0 bräuchten Fleisch oder könnten nicht genauso gesund vegan leben wie Menschen mit anderen Blutgruppen, ist nicht wissenschaftlich belegt. Die Theorie benennt Blutgruppe 0 als „Jäger-Typ“ und warnt vor Weizen, Milch und manchen Hülsenfrüchten. Die vorhandenen Studien zeigen aber weder einen blutgruppenspezifischen Vorteil noch einen Nachteil einer gut geplanten veganen Ernährung für Blutgruppe 0.

Wie aus einer Familienidee eine Welttheorie wurde

D’Adamo hat aus ein paar realen biologischen Unterschieden zwischen Blutgruppen eine viel größere Ernährungs-Theorie gebaut, als die Daten hergeben. Der Kern seiner Idee: Blutgruppen seien im Lauf der Evolution unter unterschiedlichen Lebensbedingungen entstanden, deshalb würden Menschen mit verschiedenen Blutgruppen auch heute noch unterschiedlich gut auf bestimmte Lebensmittel reagieren. Für Blutgruppe 0 machte er daraus den „Jäger“-Typ.

Seiner eigenen Darstellung nach kam der Grundgedanke aus der Familie: Er habe von seinem Vater, dem Naturheilkundler Peter J. D’Adamo, die Vorstellung übernommen, dass Menschen mit unterschiedlichen Blutgruppen auf unterschiedliche Ernährungsweisen besser ansprechen. Das ist relevant, weil es zeigt: Die Theorie entstand nicht aus klinischen Daten, sondern aus einer vorab bestehenden Idee, die später mit biologischen Argumenten ausgeschmückt wurde.

Das zweite Standbein waren Lektine. D’Adamo argumentierte, bestimmte Nahrungsproteine würden je nach Blutgruppe unterschiedlich mit dem Körper reagieren. Auf seiner Website beschreibt er das als zentrale Grundlage der Blutgruppendiät. Das klingt zunächst wissenschaftlich. Es ist aber der Punkt, an dem die Theorie überzieht: Aus einzelnen biochemischen Überlegungen wurde eine komplette Ernährungslehre, ohne dass dafür belastbare Humanstudien vorlagen.

Das dritte Standbein war die evolutionäre Erzählung. Blutgruppe 0 als frühe Jäger-und-Sammler-Gruppe, daher heute noch eher „proteinreich mit viel magerem Fleisch und Fisch“. Diese Herleitung wird auch vom DRK referiert. D’Adamo hat damit eine plausibel klingende Geschichte gebaut, in der Evolution, Blutgruppen und Verdauung zusammenpassen sollten. Plausibel klingend ist aber nicht dasselbe wie bewiesen.

Warum er es behauptet hat, ist nicht dasselbe wie warum es stimmen sollte. Fachgesellschaften und Reviews sagen an genau diesem Punkt nein.

7 Millionen Bücher sind kein Argument

Penguin nennt zur 2018er Ausgabe seines Buchs „Eat Right 4 Your Type“ über 7 Millionen verkaufte Exemplare, D’Adamo selbst spricht von über 8 Millionen. Ein unabhängiger Audit liegt nicht vor. Das sind Verlagsangaben.

Warum sind die Rezensionen trotzdem oft positiv? Weil Menschen unter solchen Diäten meistens etwas Richtiges tun: weniger Junkfood, mehr Obst und Gemüse, bewusster essen. Die Cleveland Clinic formuliert es direkt: Die positiven Effekte träten unabhängig von der Blutgruppe ein. Die Ohio State University ergänzt: Gewichtsverlust passiert, weil kalorienreiche, stark verarbeitete Lebensmittel weggelassen werden. Nicht wegen der Blutgruppe.

Der entscheidende Test ist deshalb nicht „wie viele fanden das Buch toll“, sondern: Hält die Theorie stand, wenn man sie prüft? Die Cleveland Clinic dazu: Forschung habe gezeigt, dass die Blutgruppe nicht beeinflusse, wie der Körper auf Nahrung reagiere. Die Ohio State University: Die Blutgruppendiät sei in klinischen Studien nicht belegt worden. Cusack et al. bestätigen im systematischen Review denselben Stand.

7 Millionen verkaufte Bücher beweisen, dass eine Idee erfolgreich vermarktet wurde. Sie beweisen nicht, dass sie stimmt. Im Kern ist das ein Argumentum ad populum: Beliebtheit wird mit Wahrheit verwechselt. Wahrheit in der Ernährungswissenschaft entsteht nicht aus Bestsellerlisten, sondern aus belastbaren Studien.

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