„Pelicot“, „Motherless“, „Die Akademie des Vergewaltigens“. Drei Recherchen aus drei Ländern, eine Wahrheit: Wer eine Frau betäubt und vergewaltigt, sitzt meistens auf ihrer eigenen Couch.
Hand über das Glas. Schlüssel zwischen die Finger. Auf dem Heimweg keine Kopfhörer. Telefon im Anschlag, Notruf vorgewählt. Die Liste der Schutzmaßnahmen, die Mädchen ab zwölf einüben, ist lang. Sie alle gehen von einer Annahme aus: Die Gefahr lauert draußen, in einer dunklen Gasse, im Drink eines Fremden, hinter einer Bushaltestelle um halb drei.
Diese Annahme ist nicht falsch. Sie ist nur überschätzt. Und sie verdeckt die andere Hälfte der Wahrheit.
Mazan war kein Monstrum. Mazan war eine Struktur.
Dominique Pelicot, Mazan, Südfrankreich. Ein 6.000-Seelen-Ort in der Provence, eine halbe Stunde nordöstlich von Avignon. Fast zehn Jahre lang betäubt der heute 73-Jährige seine Ehefrau Gisèle mit Schlaftabletten und stellt sie über ein Internetforum anderen Männern zur Vergewaltigung zur Verfügung. 51 Männer kommen in das Haus der Familie und vergehen sich an einer bewusstlosen Frau. Schreiner, Krankenpfleger, Lkw-Fahrer, ein Soldat, ein Journalist. Aus der Region, gewöhnliche Männer, Nachbarn. Im Dezember 2024 werden alle 51 verurteilt.
Pelicot war ein Schock. Aber er war kein Einzelfall, das stand von Anfang an im Raum. Was seit dem Urteil dazukommt, zeigt wie sehr.
20.000 Videos, 70.000 Männer, eine Logik
Im März 2026 veröffentlicht CNN eine monatelange Recherche. Auf der amerikanischen Pornoseite Motherless.com findet das Team über 20.000 Videos in einer Kategorie, die sich „Sleep“ nennt. Frauen, die in den Aufnahmen offensichtlich schlafen, sediert oder bewusstlos sind, an denen sich Männer vergehen. Auf der Plattform insgesamt: 62 Millionen Besuche im Februar 2026.
Diese 62 Millionen sind keine 62 Millionen Männer, wie es danach durch Social Media wanderte. Sie sind die Gesamt-Besuche der Site, viele davon Mehrfachzugriffe. Wer den Empörungseffekt verstärken will, sollte trotzdem die belegbare Zahl nehmen, nicht die viral verdrehte. Snopes hat es nachgereicht. Die belegbare Zahl reicht.
CNN findet außerdem eine inzwischen gelöschte Telegram-Gruppe namens „Zzz“ mit knapp 1.000 Mitgliedern. Männer geben einander Tipps: welche Medikamente, welche Dosis, wie man Aufnahmen vom eigenen Schlafzimmer aus macht, ohne aufzufliegen.
Parallel dazu in Deutschland: ein Einladungslink
Das Reporter-Team STRG_F des NDR-Funkformats kommt zur gleichen Zeit auf dieselbe Spur. Die Reporterinnen Isabell Beer und Isabel Ströh recherchieren über ein Jahr verdeckt im Netzwerk. Eingestiegen sind sie über einen unscheinbaren Einladungslink, der in einer Telegram-Gruppe geteilt wurde. Was sich daraus auftut, ist kein Einzelchat. Es sind dutzende Gruppen, hunderte bis zehntausende Mitglieder pro Stück, in Summe über 70.000 Nutzer.
In den Gruppen tauschen Männer Anleitungen zu K.o.-Mitteln aus. Welche Dosis. Wie man eine Bewegung vortäuscht, damit das Opfer ruhig bleibt. Wie man filmt, ohne aufzufliegen. Sie posten Fotos sedierter Frauen. Sie bieten die eigene Schwester, die Mutter, die Freundin „zur Verfügung“ an. Sie stacheln sich gegenseitig an, machen Wettbewerbe daraus, lachen über die Frauen im Bild.
Eine internationale Gruppe nennt sich „Akademie des Vergewaltigens“. Den Begriff hat die französische Abgeordnete Sandrine Josso geprägt, weil diese Foren genau das sind: Lehranstalten. Männer bringen anderen Männern bei, wie man Frauen verletzt, ohne dafür belangt zu werden.
Nach Veröffentlichung der ersten STRG_F-Folge im Dezember 2024 laufen Verfahren gegen sechs Beschuldigte in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Los Angeles. Ein Münchner Student wurde 2025 zu mehr als elf Jahren Haft verurteilt. Die Recherche bekam 2025 eine Grimme-Preis-Nominierung für die besondere journalistische Leistung.
In zwei Folge-Reportagen („Das Vergewaltiger-Netzwerk: Festnahmen und neue Uploads“, „Wir finden die Täter“) zeigen Beer und Ströh den Stand danach. Es gibt Festnahmen. Es gibt aber auch neue Uploads. Wenn eine Gruppe gelöscht wird, taucht die nächste auf. Den Behörden, fragen die Reporterinnen offen, sind diese Strukturen weitgehend nicht auf dem Schirm. Sie sind dort von Frauen aufgedeckt worden, die monatelang in einer Atmosphäre gesessen haben, die niemand freiwillig aushält.
Die Täter heißen nicht „Fremder“. Sie heißen Partner.
Wer in den Sleep-Videos die Frauen vergewaltigt, ist nicht der Mann aus der Tiefgarage. Es ist der eigene Mann. Manchmal Ehemann seit zwanzig Jahren. Manchmal frischer Freund, der einen Wein zu viel eingoss. Die Statistik trägt das schon lange. Im aktuellen Lagebild Häusliche Gewalt des Bundeskriminalamts sind über 80 Prozent der getöteten Frauen Opfer eines (Ex-)Partners. Bei vollendeten und versuchten Vergewaltigungen ist der Täter dem Opfer in der Mehrheit der Fälle bekannt.
Pelicot. Die Männer in der Akademie. Die Uploader der Sleep-Videos. Sie alle bestätigen, was BKA-Zahlen seit Jahren sagen, was Frauen seit Jahren sagen, was im öffentlichen Bewusstsein trotzdem nicht ankommt. Das gefährlichste Zimmer für viele Frauen ist nicht die WG-Küche fremder Männer. Es ist ihr eigenes Schlafzimmer.
⚠️ Selbst prüfen empfohlen
Prüfe die Aussage mit Suche, Gegenargumenten und belastbaren Quellen.
Prüfe die Behauptung neutral: Eine CNN-Recherche von März 2026 hat auf der Pornoseite Motherless.com über 20.000 Videos schlafender, sedierter oder bewusstloser Frauen dokumentiert; parallel hat das Reporter-Team STRG_F (NDR/funk) seit 2024 ein Telegram-Netzwerk mit über 70.000 Nutzern recherchiert, in dem sich Männer Tipps zur Sedierung von Frauen geben. Achte auf Gegenargumente, Einordnung der 62-Mio-Aufruf-Zahl (Site-Besuche, nicht Männer) und den juristischen Stand.
Quellen / Links
- CNN: „Exposing a global online rape academy“, März 2026 — https://www.cnn.com/interactive/2026/03/world/expose-rape-assault-online-vis-intl/index.html
- Snopes Faktencheck zur 62-Mio-Verwechslung — https://www.snopes.com/fact-check/cnn-online-rape-academy/
- STRG_F (funk/NDR), Isabell Beer & Isabel Ströh, Dezember 2024: „Das Vergewaltiger-Netzwerk auf Telegram“ — https://www.zdf.de/play/reportagen/funk-collection-funk-11384-1188/funk-das-vergewaltiger-netzwerk-auf-telegram—strg-f-114
- STRG_F-Folge: „Das Vergewaltiger-Netzwerk: Festnahmen und neue Uploads“ — https://www.zdf.de/video/reportagen/funk-collection-funk-11384-1188/funk-das-vergewaltiger-netzwerk-festnahmen-und-neue-uploads—strg-f-110
- STRG_F EPIC: „Wir finden die Täter“ — https://www.zdf.de/video/reportagen/funk-collection-funk-11384-1188/funk-wir-finden-die-taeter—strg-f-epic-118
- Grimme-Preis 2025 (Nominierung Besondere Journalistische Leistung): Isabell Beer & Isabel Ströh für die STRG_F-Recherche
- Reporterinnen-Profil (DFJP): https://dfjp.eu/isabel-stroeh-isabell-beer/
- taz: „Sexuelle Gewalt gegen Frauen: Vergewaltigungen organisieren auf Telegram“ — https://taz.de/Sexuelle-Gewalt-gegen-Frauen/!6052147/
- SRF: „Wenn Online-Foren zur Vergewaltigungsakademie werden“ — https://www.srf.ch/news/dialog/missbrauch-von-frauen-wenn-online-foren-zur-vergewaltigungsakademie-werden
- Hessenschau: „Frauen betäuben und vergewaltigen — das Netzwerk eines Serientäters aus Frankfurt“ — https://www.hessenschau.de/panorama/frauen-betaeuben-und-vergewaltigen-das-netzwerk-eines-serientaeters-aus-frankfurt-v1,netzwerk-vergewaltigung-100.html
- t-online: „Telegram-Netzwerk bietet Frauen zur Vergewaltigung an“ — https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_100555114/telegram-netzwerk-bietet-frauen-fuer-vergewaltigungen-an.html
- BKA-Lagebild Häusliche Gewalt — https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/HaeuslicheGewalt/haeuslicheGewalt.html

















