Ich heiße Hanna.
Ich bin acht Jahre alt.
Und ich bin irgendwie falsch.
Zumindest glaube ich das.
Denn die anderen Kinder wissen,
wie man Kind ist.
Sie rennen aufeinander zu.
Sie rufen ihre Namen.
Sie spielen Spiele,
deren Regeln offenbar alle kennen,
obwohl niemand sie erklärt hat.
Sie wissen,
wann man lachen muss.
Wann man etwas sagen muss.
Wann man still sein muss.
Wann man mitspielen darf.
Und wann man fragen muss.
Ich weiß das alles nicht.
Ich stehe daneben
und beobachte.
Ich beobachte sehr genau.
Vielleicht zu genau.
Ich sehe,
wer wen zuerst anschaut.
Wer nur so tut,
als würde er lachen.
Wer eigentlich traurig ist.
Wer bestimmen darf.
Wer immer nachgibt.
Ich sehe Regeln,
von denen niemand spricht.
Aber ich verstehe nicht,
wann sie gelten.
• • •
Wir sind bei Verwandten.
Ich sehe sie vielleicht einmal im Jahr.
Die Erwachsenen kennen sich.
Die Kinder kennen sich.
Alle kennen sich.
Nur ich kenne niemanden richtig.
Mein Vater sagt:
„Geh doch zu den anderen Kindern.“
Die Erwachsenen lächeln.
Als wäre das leicht.
Als müsste ich nur aufstehen,
hinübergehen
und plötzlich dazugehören.
Aber zwischen mir
und dem Kindertisch
liegt ein reißender Fluss.
Für die anderen ist es nur ein Zimmer.
Für mich ist es Wasser.
Laut.
Schnell.
Unberechenbar.
Ich weiß nicht,
was mich auf der anderen Seite erwartet.
Ob sie mich ansehen.
Ob sie mich etwas fragen.
Ob ich antworten muss.
Ob ich zu lange antworte.
Ob ich etwas Falsches sage.
Ob ich zu still bin.
Ob ich zu viel bin.
Also bleibe ich auf dem Sofa.
Das Gesicht zur Lehne gedreht.
„Nun geh doch.“
„Spiel wenigstens ein bisschen mit.“
„Du kannst doch nicht den ganzen Tag hier sitzen.“
Ich möchte sagen:
Doch.
Genau das könnte ich.
Hier ist es weich.
Hier weiß ich,
wo mein Körper hinmuss.
Hier muss ich niemanden ansehen.
Hier muss ich nicht herausfinden,
welche Hanna gerade erwartet wird.
Aber ich sage nichts.
Ich heiße Hanna.
Ich bin acht Jahre alt.
Und ich bin irgendwie falsch.
Dabei bin ich doch erst acht.
• • •
In meinem Kopf ist ein Gewitter.
Nicht immer.
Aber oft.
Manchmal ist es nur ein fernes Grollen.
Ein Gedanke.
Dann noch einer.
Dann fünf.
Dann zwanzig.
Ein Lied.
Eine Frage.
Ein Bild.
Eine Erinnerung.
Eine Aufgabe.
Ein Geräusch.
Noch eine Frage.
Alles gleichzeitig.
Manchmal ist mein Kopf
ein reißender Fluss.
Gedanken treiben vorbei.
Ich greife nach einem.
Doch bevor ich ihn festhalten kann,
ist er schon weg.
Dann kommt der nächste.
Und der nächste.
Und der nächste.
Die Erwachsenen sagen:
„Konzentrier dich.“
Als hätte ich beschlossen,
mich nicht zu konzentrieren.
Als müsste ich nur
einen Schalter umlegen.
Aber in meinem Kopf
gibt es keinen Schalter.
Nur Blitze.
Nur Strömung.
Nur Dinge,
die gleichzeitig wichtig wirken.
• • •
In der Schule steht an der Tafel:
Eins plus eins.
Ich kenne die Antwort.
Natürlich kenne ich die Antwort.
Aber neben mir kratzt jemand
mit dem Stift über das Papier.
Hinter mir hustet ein Kind.
Der Stuhl quietscht.
Die Uhr tickt.
Die Lehrerin läuft durch den Raum.
Jemand blättert um.
Die Neonröhre summt.
Und plötzlich ist zwischen mir
und der Zwei
Nebel.
Ich sehe die Aufgabe.
Ich kenne die Antwort.
Aber ich komme nicht an sie heran.
„Du konntest das gestern doch noch.“
Ja.
Gestern war gestern.
Gestern war die Antwort da.
Heute steht sie hinter einer Wand.
„Du musst dich mehr konzentrieren.“
Ich konzentriere mich.
Auf das Ticken.
Auf das Husten.
Auf das Summen.
Auf das Kind,
das schon die nächste Seite umblättert.
Auf die Angst,
dass alle anderen schneller sind.
Auf die Angst,
dass die Lehrerin meinen leeren Zettel sieht.
Auf die Angst,
dass meine Eltern die Note sehen.
Ich konzentriere mich
auf alles.
Nur nicht auf das,
worauf ich mich konzentrieren soll.
• • •
Manchmal bekomme ich trotzdem gute Noten.
Dann sind alle beruhigt.
Wenn die Zahlen stimmen,
kann mit mir offenbar nichts falsch sein.
Nur in meinem Kopf
zieht das Gewitter weiter.
Nur auf dem Zeugnis
ist wieder schönes Wetter.
Niemand sieht,
wie viel Kraft mich eine Eins kostet.
Niemand sieht,
wie lange ich danach im Bett liege.
Niemand sieht,
dass ich den ganzen Schultag
meinen Körper festhalte,
damit nichts herausfällt.
Kein Zappeln.
Kein falscher Satz.
Kein Weinen.
Keine Wut.
Kein Ich.
Ein angepasstes Kind
wirkt von außen oft ruhig.
Aber ruhig aussehen
und sich sicher fühlen
sind nicht dasselbe.
• • •
Ich heiße Hanna.
Ich bin zehn Jahre alt.
Und ich bin irgendwie falsch.
Dabei bin ich doch erst zehn.
Ich vergesse meine Sportsachen.
Ich vergesse Hefte.
Ich vergesse Nachrichten.
Ich vergesse Dinge,
an die ich die ganze Zeit gedacht habe.
„Das kann dir nicht wichtig gewesen sein.“
Doch.
Gerade wichtige Dinge
sind manchmal besonders laut.
So laut,
dass sie zwischen den anderen Gedanken
verschwinden.
Ich stehe in meinem Zimmer
und weiß nicht mehr,
warum ich hineingegangen bin.
Ich suche meinen Stift,
während ich ihn in der Hand halte.
Ich nehme mir vor,
gleich anzufangen.
Dann denke ich:
Ich brauche vorher noch Wasser.
Auf dem Weg in die Küche
sehe ich etwas anderes.
Dann fällt mir ein,
dass ich noch etwas nachschauen wollte.
Dann ist eine Stunde vorbei.
Die Hausaufgaben
liegen immer noch da.
„Du schiebst alles auf die lange Bank.“
Ich schiebe nichts.
Ich stehe davor.
Ich will anfangen.
Ich kann nur den ersten Schritt
nicht finden.
• • •
Manchmal wird alles zu viel.
Dann knallt eine Tür.
Ein Kissen fliegt gegen die Wand.
Ich schreie.
Oder ich kann überhaupt nicht mehr sprechen.
Später schäme ich mich.
Denn ich wollte niemanden verletzen.
Ich wollte nur,
dass alles aufhört.
Die Geräusche.
Die Fragen.
Die Erwartungen.
Die Blicke.
„Warum kannst du nicht einfach ruhig reden?“
Weil Wörter verschwinden,
wenn es zu laut wird.
Weil in meinem Kopf
kein Platz mehr für Sätze ist.
Nur noch:
Weg.
Leise.
Stopp.
Bitte.
Die Tür war kein Angriff.
Das Kissen war kein Angriff.
Mein Schweigen war kein Angriff.
Es war ein Hilferuf
in einer Sprache,
die niemand verstanden hat.
• • •
Ich heiße Hanna.
Ich bin zwölf Jahre alt.
Und ich glaube nicht mehr nur,
dass ich falsch bin.
Ich weiß es.
Denn ich habe inzwischen gelernt,
mich zu entschuldigen.
Entschuldigung,
dass ich zu laut war.
Entschuldigung,
dass ich nichts gesagt habe.
Entschuldigung,
dass ich zu spät bin.
Entschuldigung,
dass ich es vergessen habe.
Entschuldigung,
dass ich abgesagt habe.
Entschuldigung,
dass ich nicht mitspielen möchte.
Entschuldigung,
dass ich allein sein will.
Entschuldigung,
dass ich zu viel bin.
Entschuldigung,
dass ich nicht genug bin.
Ich entschuldige mich,
bevor jemand überhaupt sagen kann,
was ich falsch gemacht habe.
Denn vielleicht bin ich sicherer,
wenn ich selbst zuerst zugebe,
dass das Problem
wahrscheinlich wieder ich bin.
• • •
Ich mag es,
allein zu sein.
Das bedeutet nicht,
dass ich einsam bin.
Allein ist manchmal der einzige Ort,
an dem niemand etwas von mir erwartet.
Niemand verändert plötzlich die Regeln.
Niemand fragt:
„Warum guckst du so?“
„Bist du sauer?“
„Hörst du überhaupt zu?“
Ich höre zu.
Manchmal sogar so sehr,
dass ich jedes Wort höre,
aber nicht weiß,
welches davon wichtig war.
Ich mag Menschen.
Ich liebe Menschen.
Manche Menschen sogar so sehr,
dass ich danach lange allein sein muss.
Das ist kein Widerspruch.
Es ist meine Art,
wieder Luft zu bekommen.
• • •
Ich heiße Hanna.
Ich bin vierzehn Jahre alt.
Und ich bin gut darin geworden,
nicht aufzufallen.
Ich sehe anderen ins Gesicht,
obwohl es mich anstrengt.
Ich lache,
wenn die anderen lachen.
Ich lerne Sätze,
die man in bestimmten Situationen sagt.
„Wie geht es dir?“
„Gut, und dir?“
Ich sage „gut“,
auch wenn in meinem Kopf
gerade ein Haus brennt.
Vielleicht lese ich soziale Regeln
nicht automatisch.
Vielleicht habe ich sie studiert.
Wie andere Menschen
eine Fremdsprache lernen.
Ich beobachte.
Ich speichere.
Ich wiederhole.
Und irgendwann sieht es aus,
als könnte ich es einfach.
Niemand sieht,
wie müde Übersetzen macht.
• • •
Ich werde älter.
Die Erwartungen werden größer.
Aber mein Kopf
wird nicht automatisch leiser.
Plötzlich soll ich planen.
Prioritäten setzen.
Früh genug anfangen.
Termine behalten.
An meine Zukunft denken.
Entscheidungen treffen.
Dabei vergesse ich manchmal,
dass ich Durst habe,
bis mein Kopf wehtut.
Ich merke nicht immer,
dass ich erschöpft bin,
bis mein Körper mich stoppt.
Andere sagen:
„Du bist doch intelligent.“
Als müsste Intelligenz
gegen Überforderung helfen.
Als könnte man mit einem klugen Kopf
nicht trotzdem im eigenen Alltag ertrinken.
• • •
Ich heiße Hanna.
Ich bin sechzehn Jahre alt.
Und ich bin unreparierbar.
Zumindest fühlt es sich so an.
Ich habe inzwischen so viele Pläne.
Wochenpläne.
Tagespläne.
Hausaufgabenpläne.
Pläne dafür,
wie ich meine Pläne benutzen soll.
Ich habe Listen.
Apps.
Timer.
Bunte Zettel.
Ordner,
in denen alles genau dort liegt,
wo ich später garantiert nicht nachsehe.
Ich weiß inzwischen,
wie es theoretisch geht.
Aufgaben teilen.
Pausen machen.
Früh anfangen.
Nicht alles gleichzeitig.
Erst das Wichtige.
Dann das Nächste.
Klingt eigentlich einfach.
Ist es aber nicht.
Denn zu wissen,
wie eine Rettungsweste funktioniert,
bedeutet nicht,
dass man sie mitten im reißenden Fluss
auch anziehen kann.
• • •
Dann kam ein Therapeut,
der mich nicht reparieren wollte.
Das war neu.
Er fragte nicht:
„Wie bekommen wir das endlich weg?“
Denn er wusste:
Das Gewitter bleibt.
Der Fluss bleibt.
Er fragte:
„Was passiert,
kurz bevor es zu viel wird?“
„Was hilft dir wirklich?“
„Was muss heute unbedingt passieren?“
„Und was darf einfach liegen bleiben?“
Er wollte nicht wissen,
warum ich nicht normal funktioniere.
Er wollte wissen,
wie mein Alltag funktioniert.
Montagmorgens.
Wenn ich seit zwanzig Minuten
mit einer Socke in der Hand dastehe
und nicht weiß,
ob ich mich zuerst anziehen,
meine Tasche packen
oder wegen der Mathearbeit
in Panik geraten soll.
Er half mir,
Dinge kleiner zu machen.
Nicht:
„Räum dein Zimmer auf.“
Sondern:
„Heb erst einmal die Tasse auf.“
Nicht:
„Mach deine Hausaufgaben.“
Sondern:
„Öffne das Buch.“
Nicht:
„Du musst besser organisiert sein.“
Sondern:
„Was muss heute wirklich passieren?“
Und manchmal sagte er:
„Das kannst du heute sein lassen.“
Einfach so.
Ohne dass die Welt unterging.
Das musste ich erst lernen:
Nicht jede Aufgabe,
die existiert,
muss von mir erledigt werden.
Nicht jede Erwartung
ist automatisch meine Verantwortung.
Eine Pause ist nicht erst dann erlaubt,
wenn ich vollständig zusammengebrochen bin.
• • •
Die Therapie half.
Aber lange half sie mir vor allem dabei,
zu verstehen,
warum ich scheiterte.
Noch nicht dabei,
es wirklich anders zu machen.
Ich kannte die Tipps.
Aufgaben teilen.
Timer stellen.
Früher anfangen.
Pausen machen.
Dinge aufschreiben.
Nur eine Sache gleichzeitig.
Der Therapeut konnte mir zeigen,
wie eine Rettungsweste funktioniert.
Er konnte mir erklären,
wann ich sie brauche.
Wir konnten üben,
wie man sie anzieht.
Aber mitten im Gewitter,
wenn die Strömung mich längst
mitgerissen hatte,
bekam ich meine Hände
nicht an die Verschlüsse.
Nicht weil ich nicht wollte.
Nicht weil ich nicht zugehört hatte.
Nicht weil die Therapie schlecht war.
Mein Kopf konnte in diesem Moment
einfach nicht auf das zugreifen,
was wir gemeinsam gelernt hatten.
Die Tipps waren da.
Ich kam nur nicht an sie heran.
• • •
Anderen reicht diese Hilfe vielleicht.
Denn ein Spektrum ist keine gerade Linie.
Es bedeutet nicht,
dass manche nur ein bisschen betroffen sind
und andere sehr.
Wir befinden uns nicht alle
an unterschiedlichen Stellen
auf demselben Weg.
Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse.
Unterschiedliche Schwierigkeiten.
Unterschiedliche Stärken.
Und dieselbe Hilfe
kann bei zwei Menschen
etwas völlig anderes bewirken.
Manche können mit Strategien
sehr viel verändern.
Manche brauchen vor allem Struktur.
Manche mehr Ruhe.
Manche Begleitung.
Manche Unterstützung bei Dingen,
die andere nicht einmal
als Aufgabe wahrnehmen.
Und manche kennen alle Strategien,
können aber trotzdem
nicht auf sie zugreifen.
So war es bei mir.
Ich wusste inzwischen,
was ich machen sollte.
Ich bekam es nur trotzdem
oft nicht hin.
Das machte es fast schlimmer.
Denn jeder neue Plan,
der wieder nicht funktionierte,
war nicht einfach nur ein Plan,
der nicht zu mir passte.
Er wurde in meinem Kopf
zu einem weiteren Beweis.
Siehst du, Hanna?
Du hast es wieder nicht geschafft.
Du hast wieder aufgegeben.
Alle helfen dir,
und du bekommst es trotzdem nicht hin.
Ich heiße Hanna.
Ich bin sechzehn Jahre alt.
Und ich bin nicht nur falsch.
Ich bin unreparierbar.
• • •
Aber meine Eltern
hatten sich verändert.
Nicht plötzlich.
Nicht perfekt.
Und bestimmt nicht,
ohne Fehler zu machen.
Aber sie hörten auf zu glauben,
dass nur ich mich ändern müsse.
Sie lernten,
dass ich mich nicht einfach
mehr anstrengen kann,
wenn mein Kopf längst
mit aller Kraft gegen sich selbst arbeitet.
Sie lernten,
dass eine gute Note nicht beweist,
dass es mir gut geht.
Dass ein aufgeräumtes Zimmer
keine Heilung ist.
Dass ich nicht absichtlich vergesse,
was mir wichtig ist.
Dass ich sie nicht ignoriere,
nur weil ich nicht antworte.
Und dass Hilfe nicht bedeutet,
mich möglichst unauffällig zu machen.
Dann kam das Wort,
vor dem so viele Menschen Angst hatten.
Medikamente.
• • •
Manche nannten sie Drogen.
Manche sagten:
„Das Kind wird ruhiggestellt.“
„Das verändert die Persönlichkeit.“
„Damit macht ihr es euch zu einfach.“
Einfach.
Dieses Wort fand ich interessant.
Denn einfach war bisher
gar nichts gewesen.
Nicht für mich.
Nicht für meine Eltern.
Nicht für alle,
die morgens darauf warteten,
dass ich endlich meine Schuhe anzog.
Natürlich wollten meine Eltern
mir nicht leichtfertig Medikamente geben.
Niemand möchte einem Kind
einfach irgendetwas geben,
nur damit es besser
in einen Stundenplan passt.
Aber niemand möchte sein Kind
ein Leben lang
mitten im Gewitter
in einem reißenden Fluss treiben sehen.
Mit einer Rettungsweste in der Hand.
Mit einer Anleitung in der Tasche.
Und mit Menschen am Ufer,
die rufen:
„Du weißt doch jetzt,
wie es geht!“
Meine Eltern sagten:
„Wir schauen es uns an.“
„Wir informieren uns.“
„Wir beobachten genau.“
Und schließlich:
„Lass es uns versuchen.“
• • •
Es war nicht sofort perfekt.
So funktioniert das nicht.
Menschen reagieren unterschiedlich.
Körper reagieren unterschiedlich.
Auch Symptome sehen
nicht bei allen gleich aus.
Ein Medikament kann einem Menschen helfen
und bei einem anderen
kaum etwas verändern.
Eine Menge kann zu wenig sein.
Eine andere zu viel.
Ein Mittel kann gut passen.
Ein anderes nicht.
Etwas kann zunächst helfen
und später neu angepasst werden müssen.
Man muss beobachten.
Nachfragen.
Lernen.
Anpassen.
Manchmal neu beginnen.
Das passende Mittel finden.
Die passende Menge.
Den passenden Zeitpunkt.
Einen Umgang,
der zum eigenen Körper
und zum eigenen Alltag passt.
Es gibt nicht die eine Tablette,
nach der das Leben plötzlich
eine gerade Straße wird.
• • •
Dann kamen die Medikamente.
Und sie ersetzten die Therapie nicht.
Sie machten die Strategien
nicht überflüssig.
Sie räumten nicht mein Zimmer auf.
Sie schrieben nicht meine Hausaufgaben.
Sie planten nicht meinen Tag.
Aber sie machten etwas,
von dem ich vorher nicht wusste,
dass es möglich war:
Sie machten zwischen einem Gedanken
und dem nächsten Gedanken
ein kleines bisschen Platz.
Plötzlich konnte ich den Timer
nicht nur stellen.
Ich hörte ihn auch.
Ich konnte eine Aufgabe
nicht nur in kleine Schritte zerlegen.
Ich konnte mit dem ersten Schritt beginnen.
Ich konnte eine Liste
nicht nur schreiben.
Ich erinnerte mich daran,
dass sie existiert.
Ich konnte eine Pause machen,
bevor mein Körper sie sich
mit Gewalt nahm.
Die Strategien aus der Therapie
waren nicht mehr nur Sätze,
die auf Papier gut klangen.
Sie wurden benutzbar.
Nicht immer.
Nicht perfekt.
Aber zum ersten Mal oft genug,
dass ich merkte:
Vielleicht funktionieren
diese Hilfen doch.
Vielleicht war ich nicht zu faul
für die Therapie.
Vielleicht war ich nicht zu schwierig.
Vielleicht brauchte mein Gehirn
erst Unterstützung,
damit ich die Unterstützung
überhaupt nutzen konnte.
Die Medikamente waren nicht
die Lösung anstelle der Therapie.
Sie waren manchmal die Brücke
zwischen dem,
was ich gelernt hatte,
und dem,
was ich im Alltag tatsächlich tun konnte.
• • •
Der Fluss wurde langsamer.
Nicht still.
Aber langsamer.
Das Gewitter verschwand nicht.
Doch aus dem Donner
wurde manchmal Nieselregen.
Und plötzlich verstand ich,
warum andere Menschen sagen:
„Mach es doch einfach.“
Nicht weil es immer böse gemeint ist.
Sondern weil es sich für sie
vielleicht tatsächlich manchmal
einfach anfühlt.
Ich sah eine Aufgabe
und konnte anfangen.
Nicht immer.
Aber öfter.
Ich las eine Frage
und die Antwort war noch da,
als ich sie aufschreiben wollte.
Der Nebel über dem Einmaleins
wurde dünner.
Die Zahlen waren noch dieselben.
Aber ich konnte sie erreichen.
Ich ging in mein Zimmer,
um etwas zu holen,
und wusste dort manchmal tatsächlich noch,
was es gewesen war.
Ich erledigte Dinge,
die ich hundertmal angefangen
und genauso oft
wieder vergessen hatte.
Und ich dachte:
Ach so.
So kann sich ein Kopf also anfühlen.
• • •
Die Medikamente machten mich nicht
zu einem anderen Menschen.
Ich war nicht plötzlich leise.
Nicht plötzlich ordentlich.
Und ganz sicher
nicht plötzlich normal.
Ich konnte immer noch fernsehen,
während ich Hausaufgaben machte.
Ich hatte weiterhin fünf Gedanken,
während andere gerade einen beendeten.
Ich vergaß Nachrichten.
Verlegte Dinge.
Redete zu schnell,
wenn ich begeistert war.
Und konnte stundenlang
über ein Thema lesen,
von dem fünf Minuten vorher
noch niemand wusste,
dass es mich interessiert.
Ich war immer noch Hanna.
Nur musste ich nicht mehr
jede Minute gegen meinen eigenen Kopf kämpfen.
Das war der Unterschied.
Ich nehme die Medikamente
nicht jeden Tag.
Nicht weil eine tägliche Einnahme
grundsätzlich schlecht wäre.
Für andere Menschen
kann genau das richtig sein.
Bei mir fanden wir einen Weg,
der zu meinem Alltag passte.
Zu den Tagen,
an denen besonders viel anstand.
Zu den Situationen,
in denen ich mehr Unterstützung brauchte.
Ich nahm sie nicht,
weil ich mich ohne sie hasste.
Ich nahm sie nicht,
um jemand anderes zu werden.
Ich nahm sie,
weil ich manchmal entscheiden wollte,
was ich tue,
statt nur darauf zu reagieren,
was mein Kopf gerade mit mir machte.
Vielleicht war ich nie unreparierbar.
Vielleicht war ich nie kaputt.
Vielleicht brauchte ich keine Menschen,
die mich reparieren.
Vielleicht brauchte ich Menschen,
die mir glaubten.
Die mitlernten.
Die verschiedene Wege ausprobierten.
Und die nicht sofort aufgaben,
wenn der erste Weg
nicht funktionierte.
• • •
Aber aus mir ist nicht nur Angst geworden.
Aus dem Wildbach ist Neugier gewachsen.
Ich kann heute besser schwimmen.
Aber es ist immer noch sehr anstrengend.
Aus den Umwegen sind Verbindungen geworden,
die andere manchmal nicht sehen.
Aus meiner Fantasie
sind Welten entstanden.
Aus dem Beobachten
ist ein feines Gespür geworden.
Aus dem Chaos die Fähigkeit,
in einer Krise Ordnung zu schaffen.
Aus Begeisterung wurde Ausdauer.
Wenn mich etwas wirklich berührt,
gebe ich nicht schnell auf.
Ich lese.
Ich frage.
Ich suche.
Ich lerne.
Ich werde Expertin.
Nicht weil Druck mich stark gemacht hat.
Nicht weil Kritik mich verbessert hat.
Nicht weil man mich oft genug
in eine Form gedrückt hat.
Meine Fähigkeiten konnten wachsen,
wenn man mir Raum gab.
Wenn ich denken durfte.
Wenn ich mich zurückziehen durfte.
Wenn jemand meine Begeisterung
nicht kleinredete.
Wenn niemand fragte:
Wie bringen wir dieses Kind dazu,
sich normal zu verhalten?
Sondern:
Was braucht dieses Kind,
um sich sicher zu fühlen?
Was braucht es,
um zu lernen?
Was braucht es,
um zu wachsen?
• • •
Heute bin ich erwachsen.
Und manchmal stelle ich mir vor,
ich könnte zurückgehen.
Nicht, um alles ungeschehen zu machen.
Nicht, um meinem jüngeren Ich zu sagen,
dass später alles leicht wird.
Denn das wird es nicht.
Ich würde sie auf dem Sofa finden.
Das Gesicht zur Lehne gedreht.
Hinter ihr die Stimmen der Erwachsenen.
„Geh doch zu den anderen Kindern.“
„Spiel doch wenigstens mit.“
„Das macht dir bestimmt Spaß.“
Ich würde nicht sagen:
„Nun komm schon.“
Ich würde nicht verlangen,
dass sie mich anschaut.
Ich würde mich neben sie setzen.
Nicht gegenüber.
Nicht über ihr.
Neben ihr.
Und ich würde warten.
Bis sie vielleicht merkt,
dass diesmal niemand etwas von ihr will.
Dann würde ich leise sagen:
Hanna,
du musst nicht zu den anderen Kindern gehen.
Du darfst hier sitzen bleiben.
Du bist nicht unhöflich,
nur weil du gerade nicht reden möchtest.
Du bist nicht einsam,
nur weil du allein sein möchtest.
Du bist kein Spielverderber,
nur weil du andere Spiele magst.
Dein Nein ist kein Fehler,
den jemand beseitigen muss.
Vielleicht würde sie nichts sagen.
Aber sie würde wissen:
Ich bin da.
• • •
Ich bin Hanna.
Ich habe Narben,
die nie verheilen.
Aber ich bin stark.
Und Menschen wie uns
braucht die Welt.

















