Forscher der Berliner Charité haben 1.700 Zehnjährige befragt. Kinder im Grundschulalter, viele noch mit Stofftier auf dem Bett. Sieben Prozent von ihnen hatten bereits Nikotin probiert. In den allermeisten Fällen nicht an Papas Zigarette. Sondern an einer bunten, nach Wassermelone schmeckenden Vape.
Das ist keine Randnotiz. Das ist eine Industrie, die funktioniert.
Wassermelone, Cola, Kaugummi
Schau dir an, wie eine Einweg-Vape aussieht. Knallpink, türkis, neongrün. Sie schmeckt nach Blueberry, nach Apple Peach, nach Cola, nach Kaugummi. Sie sieht aus wie ein Textmarker oder ein Spielzeug. Sie kostet weniger als ein Kinobesuch.
Und genau so ist sie gemeint.
Erwachsene Raucher, die seit zwanzig Jahren an der Marlboro hängen, brauchen keinen Kaugummi-Geschmack. Wassermelone ist nicht für sie gemacht. Wassermelone ist für die Zehnjährige, die noch nie geraucht hat und der die bunte Verpackung im Kiosk ins Auge fällt. Die Aromen sind kein Service. Sie sind die Eintrittskarte in die Sucht, ausgestellt auf den Namen von Kindern.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat auf 13 Zusatzstoffe in Vapes hingewiesen, die gesundheitsschädlich und teilweise krebserregend sind. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, fordert ein Verbot der jugendaffinen Aromen. Bisher ohne Erfolg.
Die Zahlen, die niemand hören will
Über Jahre war Deutschland stolz auf seine Tabakprävention. Immer weniger Jugendliche rauchten. Der Trend zeigte nach unten. Dann kam 2021 die Einweg-Vape auf den Markt, und die Kurve drehte.
Die Drogenaffinitätsstudie 2025 zeigt: 9,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen rauchen wieder. 2021 waren es 6,1 Prozent. Fast sieben Prozent dieser Altersgruppe nutzen regelmäßig Vapes, mehr als doppelt so viele wie vier Jahre zuvor. Bei den Jungen vapen 18 Prozent täglich. Fast jeder Fünfte.
Und es hört nicht bei den Teenagern auf. Der Präventionsradar 2023 fand: Fast jedes vierte Schulkind der Klassen fünf bis zehn hat schon mal eine E-Zigarette konsumiert. 24 Prozent. Die Charité-Studie geht noch tiefer, runter zu den Zehnjährigen, und findet auch dort schon Nikotin.
„Vapen unter Zehnjährigen nimmt zu“, titelt die AOK. Das ist der nüchterne Satz für eine Katastrophe.
Was Nikotin mit einem Kindergehirn macht
Bei Erwachsenen ist Nikotin eine Droge. Bei Kindern ist es ein Eingriff in ein Organ, das noch wächst.
Das kindliche Gehirn entwickelt sich bis weit in die Zwanziger. Nikotin stört diese Entwicklung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt klar: Bei Kindern und Jugendlichen kann Nikotin die Gehirnentwicklung stören und zu vermehrter Ängstlichkeit führen. Unmittelbar führt es zu Konzentrationsstörungen und schlechterer Lernfähigkeit.
Übersetzt: Ein Kind, das vapt, lernt schlechter, ist ängstlicher und legt das Fundament für eine Sucht, die es vielleicht sein Leben lang nicht mehr loswird. Je früher der erste Zug, desto tiefer der Haken.
„Du bist halt die ganze Zeit dran“
Das Tückische an der Vape ist, dass sie sich nicht wie eine Zigarette anfühlt. Sie stinkt nicht. Du musst nicht nach draußen. Du kannst im Kinderzimmer ziehen, im Bus, auf der Schultoilette, und niemand riecht es.
Eine Konsumentin beschreibt es in der Deutschen Welle so: „Bei der Zigarette hast du dir vielleicht gesagt, ich habe jetzt fünf Minuten Zeit, das reicht nicht. Fürs Vapen muss ich nicht mehr nach draußen gehen. Du bist halt die ganze Zeit dran.“ Ihr eigenes Fazit: „Ich glaube, dass ich vom Vapen viel abhängiger bin als damals vom Rauchen.“
Selbst Bob Blume, Deutschlands bekanntester Bildungsinfluencer, erwachsen, reflektiert, mit einer Plattform vor 240.000 Followern, hat es über zwei Monate nicht geschafft aufzuhören. Wenn ein Erwachsener mit allen Ressourcen daran scheitert, was macht das mit einem Kind, dessen Gehirn noch gar keine Bremse für Impulse gebaut hat?
Das Märchen vom Ausstiegshelfer
Die Tabakindustrie hat eine Erzählung, und sie klingt vernünftig: E-Zigaretten seien weniger schädlich als Tabak, eine risikoärmere Alternative für erwachsene Raucher. Der Verband des E-Zigarettenhandels betont, Vapes seien „ausdrücklich kein Produkt für Jugendliche oder Nichtraucher“.
Schöner Satz. Nur stimmt er nicht.
Wer Wassermelone und Kaugummi als Geschmack verkauft, in neonbunten Wegwerf-Geräten zum Taschengeldpreis, der spricht keine 50-jährigen Kettenraucher an. Streeck sagt es direkt: „Der Einstieg über Vapes macht Jugendliche nikotinabhängig und führt auf lange Sicht oft dazu, dass sie auch Zigaretten rauchen.“ Die Vape ist kein Ausgang aus der Sucht. Sie ist der Eingang.
Und sie ist nicht harmlos. Forscher der Universität Oxford warnen, dass nikotinhaltige Vapes wahrscheinlich krebserregend für Mund und Lunge sind und das Risiko für schwere Lungenerkrankungen mehr als verdoppeln. Langzeitstudien fehlen noch, weil das Produkt zu neu ist. Wir machen gerade den Feldversuch. An Kindern.
Der Jugendschutz, der keiner ist
Auf dem Papier ist alles geregelt. Paragraf 10 des Jugendschutzgesetzes verbietet Verkauf, Besitz und Konsum von Vapes an unter 18-Jährige. Auch nikotinfreie. Klare Sache.
In der Praxis kommt jeder Zehnjährige an das Zeug. Über den Online-Handel, über den Kiosk, der nicht nach dem Ausweis fragt, über ältere Geschwister, über den Schulhof. Eine Studie der Pneumologen kommt zu dem Schluss, dass Nikotinbeutel und E-Zigaretten die gesetzlichen Bestimmungen unterlaufen und der Jugendschutz häufig unwirksam ist.
Ein Verbot, das niemand durchsetzt, ist kein Schutz. Es ist eine Beruhigungspille für die Erwachsenen, während die Kinder weiter ziehen.
Es trifft die, die ohnehin weniger haben
Die Charité-Forschung zeigt noch etwas, das wütend macht. Vapen und Rauchen treten gehäuft an Schulen mit schwierigem sozialem Umfeld auf. Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben ein höheres Risiko, früh mit Nikotin in Kontakt zu kommen.
Das ist keine Überraschung, aber es ist eine Anklage. Nikotinkonsum gehört zu den Hauptursachen für geringere Lebenserwartung bei Menschen mit niedrigerem sozioökonomischen Status. Die Sucht setzt sich genau dort fest, wo die Chancen ohnehin schon ungleich verteilt sind. Die bunte Vape ist nicht der große Gleichmacher. Sie vertieft den Graben.
Und am Ende: ein Berg aus Sondermüll
Selbst wenn man die Kindersucht für einen Moment beiseiteschiebt, bleibt ein zweiter Skandal. Die Einweg-Vape ist ein ökologischer Wahnsinn. In Großbritannien wurden zeitweise 1,3 Millionen Stück pro Woche weggeworfen. Das enthaltene Lithium hätte gereicht, um rund 1.200 Batterien für Elektroautos zu bauen.
Weder Akku noch Flüssigkeit lassen sich tauschen. Nach ein paar Tagen ist das Gerät Sondermüll, der viel zu oft im Restmüll oder auf dem Schulhof landet. Die EU plant für 2026 ein Verbot der Einweg-E-Zigaretten. Es ist überfällig.
Wir lassen das gerade zu
Stell dir vor, jemand würde Süßigkeiten verkaufen, die das Gehirn von Kindern schädigen, abhängig machen und das Krebsrisiko erhöhen. In knallbunten Verpackungen, mit Kaugummi-Geschmack, für Taschengeld, direkt am Schulweg. Es gäbe einen Aufschrei.
Genau das passiert. Es heißt nur Vape und nicht Bonbon.
Sieben Prozent der Zehnjährigen. Fast jeder vierte Schüler ab Klasse fünf. Eine Verdopplung in vier Jahren. Das sind keine abstrakten Zahlen, das sind Kinder mit Namen, die gerade in eine Abhängigkeit rutschen, die viele von ihnen nicht mehr loswerden.
Was hilft, ist kein Geheimnis: ein Aromenverbot, das diesen Namen verdient. Ein Jugendschutz, der kontrolliert wird statt nur im Gesetzbuch zu stehen. Höhere Steuern, deren Einnahmen in Prävention fließen. Aufklärung an Schulen, früh, ehrlich, ohne erhobenen Zeigefinger. Und Erwachsene, die aufhören, Vapen als harmlosen Lifestyle abzutun.
Die Kinder vapen nicht, weil sie dumm sind. Sie vapen, weil eine ganze Industrie viel Geld dafür ausgibt, dass sie es tun. Es wird Zeit, dass uns das genauso viel wert ist, sie davor zu schützen.
⚠️ Selbst prüfen empfohlen
Prüfe die Aussage mit Suche, Gegenargumenten und belastbaren Quellen.
Prüfe diese Behauptung neutral: Der Konsum von E-Zigaretten unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist seit 2021 deutlich gestiegen, teils konsumieren bereits Zehnjährige Vapes. Kritiker der Alarm-Rhetorik verweisen darauf, dass E-Zigaretten für erwachsene Raucher eine risikoärmere Alternative sein können. Was sagen die Drogenaffinitätsstudie 2025, die Charité-Forschung und das BfR zur Verbreitung und zu den Gesundheitsrisiken bei Minderjährigen?
Quellen
- DW (31.05.2026) – Warum immer mehr Jugendliche in Deutschland vapen ✅ Inspirationsquelle, Streeck-Zitate, Bob-Blume-Interview, Grundschul-Hinweis
- AOK G+G (02.10.2025) – Gefährlicher Trend: Vapen unter Zehnjährigen nimmt zu (Interview Prof. Stadler) ✅ Charité-Grundschulstudie, 7 % der Zehnjährigen, Präventionsradar 24 %
- MDR (2025) – Mehr Jugendliche rauchen und vapen – besonders Mädchen ✅ 9,6 % Raucher, Drogenaffinitätsstudie 2025
- Tagesschau – Neue alarmierende Studie: Immer mehr Jugendliche rauchen und vapen ✅ knapp 7 % Vapes, Nikotinbeutel
- BfR – E-Zigaretten: Alles andere als harmlos ✅ Gehirnentwicklung, Ängstlichkeit, Zusatzstoffe
- DEBRA-Studie Factsheet 09 ✅ Risiko für Jugendliche und junge Erwachsene
- Pneumologie.de – Nikotinbeutel und E-Zigaretten unterlaufen gesetzliche Bestimmungen ✅ Jugendschutz unwirksam
- Global 2000 – Einweg-E-Zigaretten Umweltbelastung ✅ Lithium-Müll
- Verbraucherzentrale Hamburg – Einweg-E-Zigaretten übel für die Umwelt (EU-Verbot 2026) ✅ EU-Verbot geplant 2026

















