Auf Demos, an Rathäusern und in Social-Media-Profilen tauchen sie immer häufiger auf: Flaggen, deren Farben und Formen eine sehr genaue Bedeutung haben. Zwei davon werden oft für ein allgemeines Vielfalts-Symbol gehalten, dabei stehen sie für jeweils eigene Bewegungen mit eigener Geschichte. Dieser Beitrag erklärt Streifen für Streifen, wofür sie stehen.
Fachbegriffe sind im Text markiert und führen zur Erklärung am Ende der Seite.
Die Intersex-Inclusive Progress Pride Flag
Die Flagge im Bild oben ist die Intersex-Inclusive Progress Pride Flag. Sie wurde 2021 von Valentino Vecchietti für Intersex Equality Rights UK entworfen und erweitert die Progress Pride Flag von Daniel Quasar (2018) um die Intersex-Flagge von Morgan Carpenter (2013). Heute wird sie meist als besonders umfassendes Symbol für die Vielfalt der LGBTQIA+-Community, Solidarität und den noch notwendigen gesellschaftlichen Fortschritt verwendet.
Dabei haben die Elemente unterschiedliche Bedeutungen:
- 🏳️🌈 Regenbogen: steht heute allgemein für die Vielfalt queerer Menschen – unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Die ursprünglichen Farben hatten zusätzlich Einzelbedeutungen wie Leben, Heilung, Sonnenlicht, Natur, Harmonie und Geist.
- 🩵🩷🤍 Hellblau, Rosa und Weiß: stehen für trans Menschen und nicht-binäre Menschen, also Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht den traditionellen Vorstellungen von männlich und weiblich entspricht.
- 🤎🖤 Braun und Schwarz: machen insbesondere queere People of Color und von Rassismus betroffene Menschen sichtbar. Schwarz erinnert außerdem an Menschen, die mit HIV/AIDS leben oder daran gestorben sind und an die damit verbundene Stigmatisierung.
- 💛🟣 Gelbes Feld mit violettem Kreis: steht für intergeschlechtliche Menschen. Der geschlossene Kreis symbolisiert Ganzheit und körperliche Selbstbestimmung – intergeschlechtliche Menschen sind vollständig, so wie sie sind.
- ➡️ Die Pfeilform: steht für Fortschritt. Sie befindet sich bewusst am Rand: Es wurde bereits viel erreicht, gleichzeitig besteht weiterhin Diskriminierung und es bleibt gesellschaftlich noch viel zu tun.
Was die Flagge heute als Ganzes aussagt
Man kann ihre heutige Botschaft ungefähr so zusammenfassen:
Alle Menschen sollen unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsmerkmalen oder Hautfarbe gleichberechtigt, sichtbar und selbstbestimmt leben können. Vielfalt gehört zur Gesellschaft – und Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht.
Wichtig zu wissen: Menschen mit Behinderung sind in dieser konkreten Flagge nicht durch ein eigenes Element repräsentiert. Auch Frauenrechte bzw. Geschlechtergleichstellung insgesamt oder beispielsweise Religion und soziale Herkunft werden nicht gesondert dargestellt. Die Flagge ist also kein universelles Symbol für sämtliche Formen gesellschaftlicher Vielfalt, sondern hat ihren Ursprung und Schwerpunkt klar in der queeren Emanzipationsbewegung.
Die Disability Pride Flag
Das Bild oben zeigt die Disability Pride Flag in der 2021 überarbeiteten Version von Ann Magill. Sie steht für Menschen mit Behinderungen, ihre Vielfalt, ihre Rechte und ihren gesellschaftlichen Stolz. „Pride“ meint dabei nicht Stolz auf eine Beeinträchtigung im simplen Sinne, sondern Selbstbestimmung, Sichtbarkeit und die Zurückweisung von Ableismus.
Magill hatte die Flagge 2019 zunächst mit einem Zickzack-Verlauf entworfen. Weil die scharfen Kanten bei Menschen mit Photosensibilität Beschwerden auslösen konnten, etwa Migräne oder Anfälle, überarbeitete sie den Entwurf 2021 gemeinsam mit der Community: gerade, gedämpfte Diagonalstreifen statt Zickzack. Die Flagge ist gemeinfrei, alle dürfen sie frei verwenden.
Die Farben und ihre Bedeutung
| Farbe | Steht für |
|---|---|
| 🔴 Rot | Körperliche Behinderungen – z. B. Mobilitätseinschränkungen oder körperliche Erkrankungen |
| 🟡 Gold/Gelb | Neurodivergenz – z. B. Autismus, ADHS, Dyslexie und andere neurologische Unterschiede |
| ⚪ Weiß | Nicht sichtbare und nicht diagnostizierte Behinderungen |
| 🔵 Blau | Psychische Erkrankungen / psychiatrische Behinderungen |
| 🟢 Grün | Sensorische Behinderungen – etwa Blindheit, Sehbehinderung, Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit |
| ◼️ Dunkelgrauer Hintergrund | Erinnert an behinderte Menschen, die durch Ableismus, Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch und eugenische Praktiken ums Leben gekommen sind. Er steht zugleich für Protest gegen Ausgrenzung und Ableismus. |
Die diagonalen Streifen
Auch ihre Anordnung hat eine Bedeutung. Die Streifen verlaufen quer durch die dunkle Fläche. Sie symbolisieren, dass behinderte Menschen gesellschaftliche Barrieren und Grenzen überwinden.
Die verschiedenen Farben liegen dabei parallel und gleichberechtigt nebeneinander. Damit wird auch die Vielfalt innerhalb der Community sichtbar: Behinderung ist keine einheitliche Erfahrung.
Was die Flagge insgesamt ausdrückt
Sehr knapp könnte man sie so beschreiben:
Menschen mit Behinderungen sind ein selbstverständlicher Teil menschlicher Vielfalt. Sie haben das gleiche Recht auf Würde, Teilhabe, Selbstbestimmung und Sichtbarkeit. Behinderung darf kein Grund für Ausgrenzung sein.
Begriffe kurz erklärt
Die im Text markierten Begriffe führen hierher. Alphabetisch sortiert.
- Ableismus
- Die Abwertung und Benachteiligung von Menschen mit Behinderung. Ableismus steckt nicht nur in offener Ausgrenzung, sondern auch in der stillen Annahme, ein Leben ohne Behinderung sei automatisch das bessere. Der Begriff kommt vom englischen „able“ für fähig.
- Barrieren
- Alles, was Menschen die Teilhabe erschwert. Nicht nur Stufen und fehlende Aufzüge, sondern auch schwer verständliche Sprache, fehlende Untertitel, laute Räume oder Anträge, die es nur online gibt.
- Behinderung und Beeinträchtigung
- Eine Beeinträchtigung ist die körperliche, seelische oder geistige Gegebenheit selbst. Behindert wird ein Mensch erst dort, wo die Umwelt nicht darauf eingestellt ist: Ein Rollstuhl behindert niemanden, eine Treppe ohne Rampe schon. Diese Sichtweise heißt soziales Modell von Behinderung und steht auch hinter der UN-Behindertenrechtskonvention.
- Eugenik
- Der Versuch, die Fortpflanzung von Menschen zu steuern, um vermeintlich unerwünschte Eigenschaften zu verhindern. Im Nationalsozialismus führte das zu Zwangssterilisationen und zur systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung. Der dunkle Hintergrund der Disability Pride Flag erinnert unter anderem daran.
- Geschlechtsidentität
- Das innere Wissen eines Menschen darüber, welchem Geschlecht er angehört. Sie ist unabhängig davon, welches Geschlecht bei der Geburt eingetragen wurde, und unabhängig davon, in wen sich jemand verliebt.
- Geschlechtsmerkmale
- Die körperlichen Eigenschaften, an denen Geschlecht festgemacht wird: Chromosomen, Hormone sowie innere und äußere Geschlechtsorgane. Bei intergeschlechtlichen Menschen passen sie nicht in die medizinischen Schubladen männlich oder weiblich.
- Intergeschlechtlichkeit
- Menschen, deren angeborene Geschlechtsmerkmale sich nicht eindeutig männlich oder weiblich zuordnen lassen. Das ist keine Krankheit und keine Entscheidung, sondern eine körperliche Gegebenheit. In Deutschland gibt es seit Ende 2018 den Geschlechtseintrag „divers“; seit 2021 sind Operationen an intergeschlechtlichen Kindern ohne medizinische Notwendigkeit verboten.
- Intersex
- Die englische Entsprechung zu intergeschlechtlich. Sie steckt in vielen Flaggen- und Organisationsnamen, etwa in der Intersex-Inclusive Progress Pride Flag.
- LGBTQIA+
- Ein Sammelkürzel aus dem Englischen: lesbisch, schwul (gay), bisexuell, trans, queer oder questioning (also noch suchend), intergeschlechtlich (intersex) und asexuell. Das Plus steht für alle Identitäten, die keinen eigenen Buchstaben bekommen haben.
- Neurodivergenz
- Die Vorstellung, dass Gehirne von Natur aus unterschiedlich arbeiten. Autismus, ADHS oder Dyslexie gelten aus dieser Sicht nicht als Defekt, sondern als Variante. Wer der statistischen Mehrheit entspricht, wird neurotypisch genannt.
- nicht-binär
- Menschen, die sich weder ausschließlich als Mann noch ausschließlich als Frau verstehen. Manche fühlen sich zwischen den beiden Polen, manche außerhalb, manche wechselnd. Nicht-binär ist ein Sammelbegriff: Viele nicht-binäre Menschen verstehen sich zugleich als trans, andere nicht.
- Nicht sichtbare und nicht diagnostizierte Behinderungen
- Nicht sichtbar sind Behinderungen, die man einem Menschen nicht ansieht: chronische Schmerzen, Diabetes, Epilepsie, Krebs, psychische Erkrankungen. Betroffene müssen sich oft rechtfertigen, etwa auf einem Behindertenparkplatz. Nicht diagnostiziert heißt dagegen, dass die Ursache der Beschwerden noch gar nicht geklärt ist, was den Zugang zu Hilfen zusätzlich erschwert.
- People of Color (PoC)
- Eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Der Begriff beschreibt keine Hautfarbe, sondern eine geteilte Erfahrung. Die deutsche Übersetzung „Farbige“ ist rassistisch belastet und wird nicht verwendet.
- Pride
- Wörtlich Stolz, gemeint ist das Gegenteil von Scham. Pride richtet sich gegen die Erwartung, sich für die eigene Existenz entschuldigen zu müssen. Zugleich ist es der Name der Demonstrationen, die an den Aufstand in der New Yorker Christopher Street 1969 erinnern.
- Psychiatrische Behinderung
- Eine psychische Erkrankung, die so lange anhält, dass sie die Teilhabe am Alltag dauerhaft einschränkt. Die Unterscheidung ist wichtig: Nicht jede psychische Erkrankung ist eine Behinderung, und eine psychiatrische Behinderung bedeutet nicht, dauerhaft in einer akuten Krise zu sein.
- queer
- Ursprünglich ein englisches Schimpfwort für seltsam, das die Community ab den 1980er-Jahren offensiv für sich übernommen hat. Heute ein Sammelbegriff für alle, die nicht der Erwartung entsprechen, heterosexuell zu sein und sich mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht zu identifizieren. Manche tragen den Begriff selbstbewusst, andere lehnen ihn wegen seiner Geschichte ab.
- Sensorische Behinderungen
- Behinderungen der Sinne, vor allem des Sehens und Hörens: Blindheit, Sehbehinderung, Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit. Viele gehörlose Menschen verstehen sich dabei nicht als behindert, sondern als sprachliche Minderheit mit eigener Kultur und eigener Gebärdensprache.
- Sexuelle Orientierung
- Zu wem sich ein Mensch hingezogen fühlt. Sie hat nichts mit der Geschlechtsidentität zu tun: Eine trans Frau kann heterosexuell, lesbisch, bisexuell oder asexuell sein, genau wie jede andere Frau auch.
- Teilhabe
- Der Anspruch, am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken, statt nur versorgt zu werden. Der Begriff stammt aus der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat, und meint Arbeit, Bildung, Wohnen, Politik und Freizeit gleichermaßen.
- trans Menschen
- Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht dem Geschlecht entspricht, das bei ihrer Geburt eingetragen wurde. „Trans“ wird klein und getrennt geschrieben, weil es ein Adjektiv ist, so wie in „große Menschen“. Ob jemand seinen Körper medizinisch verändern lässt, ist eine persönliche Entscheidung und keine Bedingung dafür, trans zu sein.

















